Sich selbst verstehen, Alkoholismus verstehen

Alkoholismus ist eine Familienkrankheit. Zwanghaftes Trinken betrifft den Trinker und alle seine Beziehungen, Freundschaften, den Arbeitsplatz, die Eltern-Kind-Beziehung, Liebesverhältnisse, Ehen – alles leidet unter dem Einfluss des Alkoholismus. Die engsten Beziehungen werden am meisten beeinträchtigt, und die Engagierten leiden am stärksten. Sie reagieren auf das Verhalten des Alkoholikers. Sie sehen, dass das Trinken überhand nimmt und versuchen, es zu beeinflussen. Sie schämen sich wegen den öffentlichen Auftritten, und zu Hause versuchen sie, damit fertig zu werden. Es dauert nicht lange, bis sie sich schuldig fühlen und sie nehmen die Verletzungen, die Ängste und die Schuld des Alkoholikers auf sich.

Diese wohlmeinenden Menschen fangen an, die Gläser zu zählen, die der andere trinkt. Sie gießen teure Spirituosen in den Ausguss; sie durchsuchen das Haus nach verborgenen Flaschen und spitzen die Ohren, um ja nicht das Geräusch des Flaschenöffners zu überhören. All ihr Denken ist darauf ausgerichtet, was der Alkoholiker tut oder nicht tut, und wie sie ihn dazu bringen können, mit dem Trinken aufzuhören. Das ist ihre Besessenheit.

Zuzusehen, wie sich andere langsam selbst durch Alkohol umbringen, ist qualvoll. Während der Alkoholiker sich nicht um die Rechnungen, den Arbeitsplatz, die Kinder und seinen Gesundheitszustand zu kümmern scheint, fangen die Menschen um ihn herum an, sich zu sorgen. Sie machen den Fehler, ihn zu decken. Sie bringen alles in Ordnung, finden für ihn Entschuldigungen, erzählen kleine Lügen, um gestörte Beziehungen zu reparieren und kümmern sich um einiges mehr. Das ist ihre Bedrängnis.

Früher oder später verärgert das Verhalten des Alkoholikers die Menschen in seiner Umgebung. Sie erkennen, dass der Alkoholiker seine Verantwortung nicht übernimmt, Lügen erzählt und sie ausnutzt. Sie fangen an zu glauben, dass der Alkoholiker sie nicht liebt und möchten zurückschlagen, ihn strafen, ihn für die Verletzungen und Enttäuschungen, die er durch sein unkontrolliertes Trinken verursacht, bezahlen lassen. Das ist ihre Wut.

Die dem Alkoholiker Nahestehenden fangen an zu heucheln, sie nehmen Versprechen ab, sie glauben jedesmal, wenn eine trockene Phase eintritt, dass jetzt die Probleme vorüber wären – oder möchten es gerne glauben. Auch wenn ihnen der gesunde Menschenverstand sagen müsste, dass mit dem Trinken und Denken des Alkoholikers etwas nicht stimmt, verbergen sie noch, was sie fühlen und was sie ahnen. Das ist ihr Leugnen.

Die vielleicht schwerwiegendste Schädigung bei denen, die einen Teil ihres Lebens mit einem Alkoholiker gemeinsam verbracht haben, zeigt sich in Form der quälenden Gedanken, dass sie irgendwie Schuld sind; sie waren all dem nicht gewachsen, nicht attraktiv genug, nicht klug genug, um dieses Problem für den Menschen, den sie lieben, zu lösen. Sie denken, es lag daran, dass sie etwas taten oder unterließen. Das sind ihre Schuldgefühle.

Wir, die nun zu Al-Anon gefunden haben, haben oft genauso in Verzweiflung gehandelt, unfähig, an die Möglichkeit einer Änderung zu glauben, unfähig, so wie bisher weiterzumachen. Wir fühlten uns von einem geliebten Gefährten betrogen, niedergedrückt von der Verantwortung, unerwünscht, ungeliebt von allen. Einige von uns sind sogar überheblich, selbstgefällig, selbstgerecht und herrschsüchtig, aber wir kommen, weil wir eines wünschen und brauchen: Hilfe.

Obwohl uns das Verhalten eines befreundeten Alkoholikers, Ehegatten oder Kindes zu Al-Anon gebracht hat, erfahren wir bald, dass wir unser eigenes Denken ändern müssen, bevor wir eine neue und positive Einstellung zu unserem Lebensproblem finden. In Al-Anon lernen wir, uns mit unserer Besessenheit, unserer Bedrängnis, unserer Wut, unserem Leugnen und mit unseren Schuldgefühlen auseinanderzusetzen. Durch die Gruppe erleichtern wir unsere seelische Last, indem wir unsere Erfahrung, Kraft und Hoffnung mit anderen teilen. Stück um Stück erkennen wir durch unsere Meetings, dass viele unserer Schwierigkeiten durch unsere Einstellung entstehen. Wir ändern diese Einstellung, lernen die Verantwortung für uns selbst zu tragen, entdecken ein neues Selbstwertgefühl, eine neue Art zu lieben und beginnen geistig zu wachsen. Der Schwerpunkt unseres Denkens wird vom Alkoholiker weg und dorthin verlagert, wo wir wirklich Macht haben: auf unser eigenes Leben.

(Quelle: Broschüre für Öffentlichkeitsarbeit, Al-Anon Familiengruppen Österreich; Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Al-Anon Familiengruppen Österreich, Planseestraße 6/2, A-6600 Reutte/Tirol; Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der  Al-Anon Familiengruppen Interessengemeinschaft e.V., Hofweg 58, D-22085 Hamburg.)

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